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Kohlekraftwerk: Feigenblatt durch Abscheidung klimaschädlicher Abgase
<2008-11-11>
Für den Klimaschutz bewirkt die jetzt auch im Kraftwerk Staudinger geplante CO2-Abscheidung und -Speicherung der Abgase fossiler Kraftwerke keine Lösung.

Der Stromkonzern E.ON will in Großkrotzenburg bei Hanau eine Pilotanlage zur Abscheidung klimaschädlicher Abgase aus dem Kraftwerk errichten.

Bei diesem sogenannten CCS-Verfahren soll das Klimagift CO2 aus dem Abgas abgetrennt, über Pipelines nach Norddeutschland gepumpt und dort in tiefen Erdlagern eingelagert oder zum Hochpressen von Erdöl verwendet werden. Alle Stromkonzerne planen solche Anlagen und hoffen dabei auf großzügige staatliche Subventionen.

Die Pilotanlage macht den neuen Kohleblock aber nicht klimaverträglich. Denn die Pilotanlage beschränkt sich auf eine Leistung von bis zu drei Megawattleistung, während der Block 6 eine Leistung von 1100 Megawatt (MW) haben soll.

Weil die Verbrennung von Kohle massiv zum Treibhauseffekt beiträgt und die Förderung der Kohle mit erheblichen Umweltwirkungen behaftet ist, wollen die Kraftwerksbetreiber mit einer Abscheidung des klimaschädlichen CO2 die Akzeptanz der Kohleverbrennung fördern.

Bei der CO2-Abscheidung soll das Kohlendioxid aus dem Rauchgas der Kraftwerke (oder auch anderer großer CO2-Emittenten) abgetrennt, in Pipelines transportiert und dann in geologischen Formationen, beispielsweise ausgeförderten Gas- und Ölfeldern, salinen Aquiferen, tiefen Kohleflözen oder stillgelegten Salzbergwerken oder auch in der Tiefsee gespeichert werden. Dabei erhoffen sich die Stromkonzerne noch ein Geschäft, denn das CO2 soll an die Ölförderer verkauft werden, die damit Ölreste aus dem Erdreich pressen wollen.

Die Chancen für einen Erfolg der Planung sind nach Ergebnissen einer Bewertung des Bundes für Umwwelt und Naturschutz Deutschland sehr fragwürdig:

  1. Die CO2-Abscheidung ist sehr energieintensiv.
    Die Wirkungsgrade der Kraftwerke vermindern sich um etwa 10 %-Punkte (je nach Verfahren 6 bis 15 %-Punkte). Wegen der Wirkungsgradverluste müsste für die gleiche Stromproduktion deutlich mehr Kohle abgebaggert werden - mit allen bekannten negativen Begleiterscheinungen, des Landschaftsraubes, Umsiedelungen der Bevölkerung, immense Grundwasserschäden.

  2. Die Gefahren der "CO2-Endlagerung" werden systematisch unterschätzt.
    Die enormen Mengen an CO2, die jedes Jahr entsorgt werden müssten, benötigen einen sicheren Endlagerort. Eine spätere Freisetzung dieser Mengen wäre nicht zu verantworten. Während in Deutschland Einigkeit herrscht, dass die CO2- Lagerung in der Tiefsee ökologisch zu bedenklich ist, bieten auch ehemalige Gas- oder Erdölfelder oder Aquifere diese Sicherheit nicht. Chemische Reaktionen des CO2 mit den Gesteinsschichten können die Unversehrtheit des Gasspeichers zusätzlich beeinflussen. Selbst mit höheren technischen und damit auch höheren finanziellen Aufwendungen ist mit einer Leckagerate von 0,1 bis 1 % in 100 Jahren zu rechnen. Eines Tages werden zukünftige Generationen das CO2 also wieder in der Atmosphäre haben - und, auf Grund des niedrigeren Wirkungsgrades dieser Kohlekraftwerke, sogar noch mehr davon. Unfallbedingte plötzliche CO2-Freisetzungen aus der Abscheidung oder den Lagerstätten stellen zudem eine tödliche Gefahr für die Bewohner nahe liegender Ortschaften dar.

  3. CO2-Entsorgung ist teuer.
    Die Mehrkosten werden mit zwischen 1 und 7 Cent pro Kilowattstunde geschätzt. Damit kann es durchaus zu einer Verdopplung der Stromgestehungskosten aus Kohle kommen. Die CO2-ärmere Stromerzeugung aus Kohle liegt damit in einem ähnlichen Kostenbereich wie viele Technologien der erneuerbaren Energien. Zukünftig wird die Kostenschere weiter auseinander gehen, da die Kohlepreise steigen, die Kosten erneuerbarer Energieanlagen jedoch sinken werden. Durch den höheren Brennstoffeinsatz in CO2-ärmeren Kraftwerken steigt zudem die Abhängigkeit von den Preisentwicklungen an den Rohstoffmärkten. Bereits heute existieren schon zahlreiche Maßnahmen mit geringeren CO2-Minderungskosten als für die CO2-Abscheidung und - Speicherung unterstellt werden.

  4. Die CO2-Abscheidung behindert die Energiewende.
    Die meisten fossil gefeuerten Kraftwerke würden in den nächsten 15 bis 20 Jahren als Ersatz für alte Kraftwerke zugebaut. In dieser Zeit wird es eine großtechnische CO2-Abscheidung für Kraftwerke noch nicht geben. Diese konventionellen Neubauten würden aber einen hohen Sockel an CO2-Emissionen für Jahrzehnte zementieren - eine erhebliche CO2- Minderung im Stromsektor wäre auf lange Zeit unmöglich. Die exzellenten sich in dieser Zeit bietenden Möglichkeiten einer Energiewende durch Umstrukturierung des Kraftwerksparks wären vertan. Auch aus vielen anderen Gründen des Umwelt- und Ressourcenschutzes ist ein Wechsel zu Energieeffizienz und erneuerbaren Energien erforderlich - daran würde auch die technische Möglichkeit der CO2- Abscheidung und Lagerung nichts ändern.

  5. Aufgrund des hohen technischen und finanziellen Aufwandes würden Standorte mit Großkraftwerken strukturell bevorzugt. Dies bedeutet eine massive Behinderung der Entwicklungsmöglichkeiten von dezentralen Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung. Gleichzeitig ist die CO2-Abscheidung nicht beliebig steuerfähig, so dass solche Kraftwerke eher nur im Grundlastbetrieb fahren müssten - neben dem finanziellen Risiko eines möglichen unwirtschaftlichen Betriebes verstärkt dies die erhebliche Inflexibilität des gesamten Kraftwerksparks.

  6. Beachtliche Geldsummen werden bereits für die Forschung an der CO2-Abscheidung in Kraftwerken international, in der EU und in Deutschland ausgegeben. Die USA geben etwa 1 Mrd. US-Dollar innerhalb von 10 Jahren aus, die Bundesregierung jährlich 15-20 Mio. Euro. Diese Geldmittel fehlen den nachhaltigen Energieversorgungssystemen. Die Forschung für Energieeffizienz und erneuerbare Energien sollte Priorität erhalten."

Für den Klimaschutz bewirkt die CO2-Abscheidung und -Speicherung der Abgase fossiler Kraftwerke keine Lösung. Die Technik ist risikoreich und blockiert eine nachhaltige Energieversorgung in Deutschland.

Die erforderliche Energiewende hin zu Energieeffizienz und erneuerbaren Energien ist die überlegenere Lösung.

Das zitierte Positionspapier des BUND Arbeitskreises Energie und mittlere Technologien finden Sie hier:

http://www.bund.net/bundnet/themen_und_projekte/klima_energie/kohlekraftwerke_stoppen/keine_saubere_kohle/


Autor: Matthias Möller-Meinecke, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Verwaltungsrecht

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