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Anwohner fordern Stilllegung von Woolrec Betrieb
<2012-03-22>
Konkrete Krebsgefahr begründet die Forderung der Anwohner gegenüber der Hessischen Landesregierung auf sofortige Stilllegung des Betriebes der Firma Woolrec in Braunfels-Tiefenbach .

Die Rechtsanwaltskanzlei MÖLLER vertritt Anwohner aus dem Stadtteil Tiefenbach der mittelhessischen Stadt Braunfels gegenüber dem benachbarten Betrieb der Firma Woolrec GmbH, dem Regierungspräsidium Gießen als Aufsichtsbehörde und der Staatsanwaltschaft.

Heute wurde ein Gutachten des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein – Westfalen vom 9. März 2012 bekannt. Darin untersucht die Behörde sowohl Proben des in Tiefenbach von der Firma Woolrec erzeugten Endproduktes aus der Verarbeitung von künstlichen Mineralfasern als auch gebrannte Ziegel, in welche dieses Endprodukt als Zuschlagstoff eingearbeitet wurde. Die Sachverständigen des Landesamtes kommen nach einer rasterelektronenmikroskopischen Untersuchung beider Materialien zu folgendem höchst Besorgnis erregenden Ergebnis:

Die im Woolit® vorhandenen Fasern der Proben vom 28.02.2012 sind aufgrund ihrer Zusammensetzung zu einem größeren Anteil in die Kategorie 2 („Krebserzeugend") und zu einem geringeren in die Klasse 3 („Verdacht auf krebserzeugende Wirkung") einzustufen; es können zwar auch neuere Fasern vorhanden sein, der überwiegende Hauptanteil besteht jedoch offenbar aus alten, schwer abbaubaren KMF.

Von den im Freien gelagerten Haufwerken aus Woolit® geht solange keine nennenswerte Gefährdung durch Freisetzung von Fasern auf dem Luftwege aus, solange diese feucht gehalten werden. Beim oberflächlichen Abtrocknen ist mit einer Faserfreisetzung durch Abwe­hen zu rechnen, da keine feste Bindung sichergestellt ist. Auch die auf dem versiegelten Firmengelände existierenden Schlämme kön­nen nach Trocknung Fasern freisetzen.

Es wird deshalb empfohlen, die im Freien gelagerten Haufwerke feucht zu halten und/oder abzuplanen. Das Firmengelände sollte gereinigt werden.

Wie die Fasergehalte im Schlammabsetzbecken nahelegen, ist eine Weiter­verbreitung von Fasern durch Auswaschen ebenfalls nicht auszuschließen.

Die Faserstruktur des Woolit® wird beim Brennen der Ziegel (950 nicht vollständig zerstört. So sind auf der Oberfläche der Ziegelsteine, wie auch im Inneren Fasern vorhanden, deren Freisetzung z.B. beim Schneiden der Steine nicht ausgeschlossen werden kann.

Die Verwendung von Woolit® bei der Herstellung von Ziegeln ist deshalb als problematisch anzusehen. Weitere Untersuchungen sollten durchgeführt werden, um die Exposition gegenüber KMF bei der Verwendung der Ziegel abzuklären.« (Stellungnahme des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein – Westfalen gegenüber der Bezirksregierung Münster vom 9. März 2012, Seite 5f)

Das Gutachten bestätigt die schlimmsten Befürchtungen der Anwohner. Der in Tiefenbach erzeugte Zuschlagstoff enthält krebserzeugende Fasern, die über den Luftpfad in die Atemluft sowie die Nahrungsmittel der Nachbarn gelangen.

Als Konsequenz hat die Rechtsanwaltskanzlei MÖLLER beim Regierungspräsidium Gießen beantragt, den Betrieb der Firma Woolrec sofort stillzulegen, alle dort lagernden Steinwoll-Abfälle in Folien zu verpacken und in geeignete Abfalldeponien abzutransportieren sowie das gesamte Betriebsgelände fachkundig zu reinigen. Dies begründet sich aus den Gesundheitsgefahren bei dem Mahlen der Glaswolle, aber auch rechtlich daraus, dass der Fa. Woolrec die Genehmigung zur Abfallsortierung und Abfallverarbeitung fehlt.

Die Rechtsanwälte haben weiterhin beantragt, ein unabhängiges medizinisches Gutachten zur Kausalität der vor Ort gehäuft festgestellten Zahl von Krebserkrankungen durch das Einatmen der nach dem Gutachten freigesetzten Krebs erzeugenden Fasern einzuholen.

Das Gutachten des Landesamtes für Umwelt NRW zeigt auch Gesundheitsrisiken für Mitarbeiter und Nachbarn zahlreicher bundesdeutscher Ziegelwerke, aber auch für deren Abnehmer wie Bauhandwerker, Bauherrn und Mieter auf. Wurde und wird dem Ton Woolit® aus Tiefenbach zugefügt, werden bei der Ziegelherstellung Altöle verbrannt. Bei auch geringen mechanischen Veränderungen an den Ziegeln durch Stapeln, Brechen, Sägen oder Bohren können krebserzeugende Glaswollfasern freigesetzt werden und über die Lunge in den Körper aufgenommen werden.

Das Gutachten des Landesamtes für Umwelt beweist nach Bewertung von Rechtsanwalt Matthias Möller-Meinecke, "dass die hessische Landesregierung gegenüber der Firma Woolrec über viele Jahre in Kenntnis der Beschwerden der Anwohner sowie der Gesundheitsgefahren grob fahrlässig untätig geblieben ist und ihre Pflicht zur Amtsermittlung und Abwehr der Gesundheitsgefahren verletzt hat. Dies begründet Amtshaftungsansprüche der in ihrer Gesundheit Geschädigten.

Die Kanzlei hat das Gutachten der zuständigen Staatsanwaltschaft beim Landgericht Limburg mit der Bitte um strafrechtliche Würdigung des Verhaltens der Verantwortlichen der Firma Woolrec, der von der Firma mit der Zertifizierung des Produktes beauftragten Sachverständigen sowie der Mitarbeiter des Regierungspräsidiums übersandt.

Mehr dazu im Beitrag der Hessenschau vom 21. März 2012 und und der Beitrag des Magazins defacto des Hessischen Rundfunks:


Autor: Matthias Möller-Meinecke, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Verwaltungsrecht

Themen hierzuAssciated topics:

Produkt-Sicherheit Gesundheits-Gefahren Immissionsschutz Nachbarbau Woolrec Woolit® Amts-/Staatshaftung Deponie

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